13. Oktober 2006 Ausgabe 41/2006 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Literatur

Der Nobelpreis für Literatur 2006

Auszeichnung für Orhan Pamuk

Anders als noch im letzten Jahr, als der schon fast in Vergessenheit geratene englische Dramatiker Harold Pinter den Literaturnobelpreis erringen konnte, ist die diesjährige Entscheidung der Schwedischen Akademie keine eigentliche Überraschung. Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk zählte im Vorfeld durchaus zu den heiß gehandelten Anwärtern auf die begehrte Auszeichnung. Zu den Topfavoriten zählten ebenfalls - wie schon seit Jahren - der syrische Dichter Adonis und sein schwedischer Kollege Thomas Tranströmer sowie der US-amerikanische Romancier Philip Roth. Was letztlich den Ausschlag für die Entscheidung zugunsten des gebürtigen Istanbulers gab, wird die nächsten 50 Jahre im Dunkeln bleiben. So lange nämlich muss über die Diskussionen innerhalb der für die Vergabe zuständigen Gremien Stillschweigen gewahrt bleiben.

Istanbul im Herzen

In ihrer Begründung betonte die Stockholmer Jury, dass Orhan Pamuk »auf der Suche nach der melancholischen Seele seiner Heimatstadt neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der Kulturen gefunden« habe. Genau diese Gemeinsamkeit der Kulturen ist es, die sein literarisches Tun antreibt. So wie sich seine Geburtsstadt Istanbul sowohl auf europäischem als auch auf asiatischem Boden befindet, versucht Pamuk in seinem Schreiben, ein Miteinander orientaler und okzidentaler Kultur als Vorbild für das alltägliche Leben außerhalb der Literatur heraufzubeschwören. Geboren wurde er am 07. Juni 1952, wuchs in einer gutbürgerlichen Familie auf, wollte zunächst Maler werden, studierte dann aber Architektur und Journalismus. Dem Schreiben wandte er sich zu, weil er die instabile politische Lage der Türkei nach seinem Studium nicht umkommentiert lassen wollte. Fast ein Jahrzehnt zog er sich zurück, um dann schließlich 1982 mit seiner ersten Publikation an die Öffentlichkeit zu treten. Von 1985 bis 1988 lebte er in den USA, ging dann jedoch zurück nach Istanbul, in die Stadt, die ihn zu dem gemacht habe, was er heute sei. Tatsächlich reflektiert sein literarisches und politisches Werk vor allem die Situation des kulturellen Grenzgängers. Stilistisch verwendet er eine fast mystische, opulent bebilderte Sprache und knüpft an die großen orientalischen Erzähltraditionen an. Sein stilistisches Können und seine inhaltlichen Reflexionen, die nicht zuletzt auch die orientalischen Wurzeln des Abendlandes aufzuzeigen versuchen, haben ihn zu einem der bedeutendsten Prosaschriftsteller der Türkei gemacht. Seine Werke wurden bislang in 34 Sprachen übersetzt und in über 100 Ländern veröffentlicht. In seiner Heimat jedoch sieht sich Pamuk vehementen politischen Anfeindungen nationalistischer Kreise ausgesetzt. Dass die Preisverleihung also auch ein politisches Zeichen ist, dürfte nicht gänzlich unwahrscheinlich sein.

Literatur

Pamuks wichtigste Werke

Vor allem mit historischen Romanen im Spannungsfeld zwischen Orient und Okzident hat sich Orhan Pamuk einen Namen gemacht. Zu seinen bekanntesten Werken zählen »Die Weiße Festung« (1985, dt. 1990), »Das Schwarze Buch« (1990, dt. 1995), »Das Neue Leben« (1994, dt. 1998), »Rot ist mein Name« (1998, dt. 2002) und Schnee (2002, dt. 2005). Darüber hinaus ist er vor allem in jüngster Zeit als politischer Kommentator und Essayist in Erscheinung getreten.

Gesellschaft

Prozess gegen Pamuk

Nur wenige Monate nachdem Pamuk im vergangenen Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchandels gewonnen hatte, musste er sich in seiner Heimat vor Gericht verantworten. In einem Interview hatte er sich kritisch zu den Verbrechen der Türkei am armenischen Volk geäußert. Eine Anklage wegen »öffentlicher Herabsetzung des Türkentum« war die Folge. Nach massiven internationalen Protesten wurde der Prozess eingestellt.

Literatur

Preisträger

Orhan Pamuk ist der erste türkische Gewinner des Literaturnobelpreises. Auch zahlreiche andere Nationen konnten sich bisher lediglich einmal über einen Preisträger freuen. Unter anderen waren dies die Schweiz (Carl Spitteler, 1919), Österreich (Elfriede Jelinek, 2004), Island (Halldór Laxness, 1955), China (Gao Xingjian, 2000) und Ungarn (Imre Kertész, 2002). Ein muslimischer Preisträger war 1988 auch der Ägypter Nagib Mahfus.

Literatur

Preisverleihung

Der mit 1,1 Millionen Euro dotierte Nobelpreis für Literatur wird seit 1901 von der Schwedischen Akademie in Stockholm verliehen. Zusammen mit den Preisträgern der Sparten Medizin, Physik, Chemie und Wirtschaft wird Orhan Pamuk den Preis am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, in Stockholm entgegennehmen dürfen. Gespannt darf man auf die Rede sein, die der politisch engagierte Pamuk sicherlich als öffentliches Forum nutzen wird.

sr