13. Oktober 2006 Ausgabe 41/2006 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Literatur

Joan Didion »Das Jahr magischen Denkens«

Ein bewegendes Buch über Verlust und Trauer

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Titel Das Jahr magischen Denkens
Autor Joan Didion
Übersetzerin Antje Rávic Strubel
Genre Sachbuch
Verlag Claassen-Verlag
Seiten 288 Seiten
ISBN 3-546-00405-1
Preis 18,00 Euro

Inhalt

Trauerprotokoll

Am 30. Dezember 2003 starb Joan Didions Ehemann, der Schriftsteller John Gregory Dunne, infolge eines Herzinfarkts. In »Das Jahr magischen Denkens« beschreibt die Autorin den Schmerz und die Trauer nach dem Verlust eines geliebten Menschen, mit dem sie vierzig Jahre lang verheiratet war. Das Buch erzählt aber auch von der gemeinsamen Ehe, ihrer Liebe und von der schweren Krankheit ihrer Tochter Quintana, die nur wenige Tage vor John Dunnes Herzinfarkt nach einem septischen Schock ins Krankenhaus eingeliefert wurde und nach Erscheinen des Buches im Alter von 39 Jahren starb.

Besonderheit

Das magische Denken

Mit dem Tod ihres Ehemanns beginnt für Joan Didion ein Jahr des magischen Denkens. Sie beschreibt, wie sie nach diesem Schock in den irrtümlichen Glauben verfällt, sie könne mit der Kraft eigener Gedanken den Lauf der Dinge rückwirkend verändern, den Tod ihres Mannes ungeschehen machen. Diese traumatischen Erfahrungen versucht die Autorin mit dem Mittel der Wiederholung literarisch zu veranschaulichen: Immer wieder rekonstruiert sie die Ereignisse jenes 30. Dezembers 2003, ergänzt bestimmte Details und dokumentiert so auf eindringliche Weise den Prozess ihres eigenen Erlebens.

Kritikenspiegel

Ergreifend

Die Kritik sieht in Joan Didions »Das Jahr magischen Denkens« ausnahmslos eine bewegende und teilweise erschütternde Studie über Verlust und Trauer. »Das Jahr magischen Denkens« sei, so Harald Eggebrecht (SZ), »kein glänzend geschriebenes Buch, obwohl es von der ersten bis zur letzten Zeile fesselt«. Lob würde gönnerhaft erscheinen angesichts dieses Textes, der »Selbstbeobachtung, manchmal Selbstvergewisserung, dann wieder ein Bericht der Irrungen, ein Bekenntnis der Ohnmacht« sei. Didions Trauerbericht, für den die Autorin eine »unprätentiöse Sprache« gefunden habe, verweigere sich »raschen Handhabungen«, konstatiert der sichtlich berührte Rezensent. Für Verena Lueken (FAZ) ist »Das Jahr magischen Denkens« nicht nur ein Buch über den Tod, sondern »auch ein Buch über die Liebe«. In ihrer »direkten« und »unmittelbaren« Erzählung sowie »in scharfen Beschreibungen der Wirklichkeit« versuche die Autorin die unbegreifliche Realität »grandios« auf Abstand zu halten. »Die Lektüre dieses Buches vergisst man nicht«, bemerkt Jana Hensel (WamS), die sehr beeindruckt ist von der »berauschenden Diskretion« und den »sehr ökonomisch gewählten Worten« Joan Didions. Mit einer »geradezu protokollarischen Insistenz«, so Andrea Köhler (NZZ), schreibe Joan Didion gegen Trauer und Selbstverlust an: »Man kann nicht einmal genau sagen, was einem bei der Lektüre ständig die Kehle abschnürt. Es ist keine Rhetorik in diesem Buch ... und doch hat dieser Bericht eine unbestechliche Dramaturgie, die uns die Gegenwart hohlen Schreckens unmittelbar auf den Leib rücken lässt.« Laut Thomas Sparr (FR) hat Joan Didion mit ihrem Text am ehesten einen »Kalender« vorgelegt, in dem die Autorin scharfsichtig aus »Winzigem, Einzelnem« das Allgemeine gewinne und, von sich ausgehend, »zugleich von anderen, für uns mit« erzähle.

Biografisches

Joan Didion

*1934 in Sacramento, ist eine US-amerikanische Intellektuelle und Essayistin, die als stilistisch herausragende Chronistin der amerikanischen Kultur und Gesellschaft gilt. Nachdem sie im Jahr 1956 ihr Literaturstudium in Berkeley abgeschlossen hatte, arbeitete Joan Didion als freie Journalistin und schrieb für große amerikanische Zeitschriften wie den New Yorker und die New York Review of Books. Bekannt wurde die Autorin vor allem mit ihren Essaysammlungen »Stunde der Bestie« (1968) und »Das weiße Album« (1979), die sich insbesondere durch genaue Beobachtungen und scharfsinnige Analysen ihrer kalifornischen Heimat auszeichnen. Joan Didion veröffentlichte bisher fünf Romane, darunter »Spiel dein Spiel« (1970). 2005 wurde sie mit dem »National Book Award« ausgezeichnet.

Ähnliche Werke

Nach dem Tod ihres Ehemanns versucht Joan Didion, so viel wie möglich über den Umgang mit dem Tod zu erfahren. Mit Hilfe von Wissen und Informationen will sie die Kontrolle über ihr Leben zurückerlangen. So zitiert sie in »Das Jahr magischen Denkens« Studien von Psychiatern und Sozialtherapeuten, Sigmund Freuds großen Aufsatz über »Trauer und Melancholie«, Philippe Ariès' Buch zur Geschichte des Todes, aber auch Gedichte und Thomas Manns »Zauberberg«. Vom Umgang mit dem Tod des Partners handelt auch John Banvilles vor kurzem erschienener und von der Kritik hochgelobter Roman »Die See« (2006), in dem der Kunsthistoriker Max Morden nach dem Krebstod seiner Ehefrau ans Meer fährt, wo er als Kind oft mit der Familie die Ferien verbrachte. Durch Erinnerungen an die Vergangenheit versucht Max, mit Trauer und Verlust umzugehen.

ah