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"Minna von Barnhelm" in Wien
© Burgtheater

»Minna von Barnhelm« in Wien

Inhalt

Nach dem Krieg werden Soldaten nicht mehr gebraucht. So auch der Major von Tellheim, der während des Siebenjährigen Krieges in preußischen Diensten stand. Und nicht nur das: gegen ihn ist ein Verfahren bei der Generalkriegskasse anhängig. Statt bei den verarmten sächsischen Ständen Kontributionen einzufordern, hat er diesen die Summe aus eigener Tasche vorgeschossen, was ihm per Wechsel quittiert wurde. Dieser wird nun als Bestechungsgeld bewertet, das er für die allzu niedrige Festsetzung der Kontributionen erhalten haben soll. Der Wechsel wurde einkassiert, der Major steht mittellos da, muss sich sogar verschulden, da er Berlin bis zur Aufklärung der Vorwürfe nicht verlassen darf. Der "in seiner Ehre" gekränkte Major ist zutiefst verbittert, alle Hilfe seiner Freunde lehnt er ab, weigert sich sogar Außenstände einzutreiben, da er seine Schuldner für bedürftiger hält als sich selbst. Sein Großmut gegenüber den sächsischen Ständen hat ihm aber auch die Braut zugeführt. Das sächsische Fräulein Minna von Barnhelm hat sich eben wegen dieser Tat in ihn verliebt, und noch während des Krieges haben sie sich verlobt. Nun aber hat er sich – abgesehen von einem Brief – seit Monaten nicht bei ihr gemeldet. Als Bettler und Krüppel (eine Kugel hat seinen rechten Arm verletzt) fühlt er sich ihrer nicht mehr würdig. Doch Minna denkt nicht daran, ihn aufzugeben. Sie reist ihm nach Berlin nach. Der Zufall will es, dass sie in dem Gasthof absteigt, wo auch er logiert, und ihn sogar aus seinem Zimmer vertreibt. Der Wirt lässt es für sie räumen, weil Tellheim die Miete schuldig geblieben war. Um diese Schuld zu begleichen, versetzt der bei dem Wirt seinen Verlobungsring. Der Wirt lässt dessen Wert von Minna schätzen, wodurch diese von Tellheims Anwesenheit erfährt. Sie löst den Ring aus und bittet Tellheim zu sich. Er bekennt zwar, dass er sie nach wie vor liebe, aber aufgrund seiner veränderten Umstände nicht ihr Mann werden könne. Keinem Argument Minnas ist er zugänglich, das Beharren auf seinem Ehrprinzip nimmt geradezu hochmütige Formen an. Da beginnt Minna ihr zugleich sublimes und grausames Spiel, um den Bräutigam zurückzugewinnen. Sie dreht den Spieß um, indem sie die Gründe, aus denen er die Verlobung löste, für sich selbst in Anspruch nimmt. So packt sie ihn an seiner empfindlichsten Stelle, der Ehre, die ihn – mit umgekehrten Vorzeichen – erneut um sie werben lässt. Als sie ihn zurückweist und ihren Verlobungsring zurückfordert, stürzt sie Tellheim in tiefste Verzweiflung. Minnas komödiantisches Spiel steuert auf eine Tragödie zu. Erst die Auflösung im letzten Moment bringt die Erlösung. Die Krise, die Minna Tellheim durchleben ließ, hat diesen zu sich selbst geführt: aus einem Soldaten hat sie einen Menschen gemacht. Lessings Stück spielt an einer Zeitenwende. Der aus der aristokratischen, soldatischen Welt stammende Begriff der "Ehre" ist abstrakt geworden. Als Tellheim ihn zu definieren versucht, fällt ihm Minna ins Wort: "Ich weiß wohl – die Ehre ist – die Ehre"
und sie nennt sie ein "Gespenst". Ein anderer Wert beginnt, die heraufkommende bürgerliche Gesellschaft zu bestimmen: das Geld. So nimmt es nicht wunder, dass die Personen des Stückes noch häufiger als von der "Ehre" von "Talern" und "Groschen" reden. Und so wird schließlich mit der Aushändigung der Wechsel an den Major auch dessen Ehre wiederhergestellt.

Titel: Minna von Barnhelm Autor: Gotthold Ephraim Lessing Regie: Andrea Breth Bühnenbild: Annette Murschetz Kostüm: Dajana Dorfmayr und Anna Pollack Termin: Dezember 2005 Kontakt: Burgtheater, Wien